

Weihnachten braucht Zeit
Liebe Leserinnen und Leser,
Weihnachten braucht Zeit. Weihnachten kann ich nicht mal eben im Vorübergehen feiern. Weihnachten ist mehr als die zweieinhalb Tage zwischen dem 24. und 26. Dezember. Weihnachten ist ein Weg. Er beginnt spätestens mit dem Advent und endet nicht mit dem Heiligen Abend. Weihnachten geht weiter bis zum 2. Februar.
Genau das ist mir noch einmal deutlich geworden, als wir mitten im Sommer, Anfang August bei entsprechender Hitze während unseres Urlaubs in den Dolomiten einen Tagesauflug nach Bozen machten und dort mehr zufällig als geplant in der Kirche des Franziskanerklosters landeten. Im dortigen Chorraum steht einer der wenigen Weihnachtsaltäre aus der Gotik, die uns erhalten geblieben sind. Er stammt von Hans Klocker (1470-1500), einem österreichischen Bildhauer der Spätgotik. Ein eindrückliches spätgotisches Schnitzwerk. Zentral in der Mitte ist die Geburt Christi dargestellt, Maria und Josef, Ochs und Esel, das Kind in der Krippe. Im Hintergrund sehen wir den als Relief gestalteten Zug der Heiligen Drei Könige mit ihrem großen Gefolge. Auf gedrehten Säulen rankt das prunkvolle, überdachende Rankenwerk.
Auf der Flügelseite links oben ist die Verkündigung des Engels an Maria zu sehen - die Verheißung, dass sie schwanger werden wird und Jesus, Gottes Sohn, zur Welt bringen wird - links unten die Darstellung Jesu im Tempel. 40 Tage nach der Geburt eines Jungen (bei uns heute der 2. Februar) hatte eine jüdische Frau zur Reinigung ihren Sohn in den Tempel zu bringen und ein Opfer darzubringen.
Auf dem rechten Flügel sehen wir oben die Beschneidung Jesu im Tempel (Lk 2, 21), derer am 1. Januar gedacht wird. Unten rechts ist der Tod Mariens - der Mutter Jesu - dargestellt.
Weihnachten braucht Zeit. Weihnachten ist ein Weg - der Weihnachtsaltar führt dies eindrücklich vor Augen. Die Geburt Jesu, die wir am Heilig Abend und an den Christfesttagen feiern, ist der Mittelpunkt, ja der Höhepunkt. Wir sind eingeladen, auf diesen Mittelpunkt hinzuschauen. Darum ist er auch doppelt so groß wie die Flügel auf beiden Seiten.
"Seht, da ist euer Gott!" (Jesaja 40,9). Deshalb ist es Weihnachten geworden. In dieser Krippe liegt er. Schaut hin auf ihn.
Der unsichtbare, große, allmächtige und heilige Gott kommt zu uns auf die Erde und wird ein kleines Kind. Und als dieses kleine Kind Jesus erwachsen geworden war, hat er Menschen aufgesucht, die es nicht einfach hatten. Hinschauen, auf JESUS, den Sohn Gottes, das Kind in der Krippe, das zum Gekreuzigten und Auferstandenen wird, ist die entscheidende Hilfe - auch heute noch.
In Europa stecken wir tief in der Schuldenkrise, in Afghanistan und an vielen anderen Orten herrscht Krieg, Völker werden, wie in Syrien, unterdrückt, in Ostafrika ist die Hungerkatastrophe noch längst nicht überstanden. So viele bedenkliche Anzeichen eines Niedergangs - auch in der Kirche.
Und da hinein macht Gott einen neuen Anfang: "Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelt ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe …" (Lk 2, 7). Gott löst sein Versprechen ein: Er schenkt einen neuen Anfang. Es ist eine einfache Geschichte. Für Menschen wie uns geschrieben, die die Sehnsucht umtreibt, dass alles neu wird. Für die, denen die Welt in Unordnung geraten ist. Für Menschen, die gefangen sind in ihrer Gegenwart. Gott will auch mit uns neu beginnen - allen Krisenszenarien zum Trotz.
Doch um das zu erfahren, muss ich mich auf den Weg machen, nicht nur für zwei Tage, sondern eine Wegstrecke lang - von Advent über das Christfest, den Jahreswechsel, vielleicht bis hin zum 2. Februar. Ich muss mich gedanklich auf den Weg machen: So viel Mühe muss sein, sonst bekommen wir nur einen Hauch von Weihnachten mit, eine Ahnung, einen flüchtigen Eindruck.
Und noch was: Ich muss meine Kinder oder Enkel an die Hand nehmen. Heute mehr denn je.
Denn was sie um sich herum mitbekommen ist - wie Kurt Marti sagte - die Ware Weihnacht, aber nicht die wahre Weihnacht. Ich muss die Kinder an die Hand nehmen, damit sie verstehen, dass Weihnachten so unendlich viel mehr und so unendlich viel schöner ist, als das Kommen eines verkleideten "Geschenke-Onkels". Wenn wir die Kinder an die Hand nehmen, dann nimmt uns Gott an die Hand.Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin