

Holzschnitt nach dem Gleichnis vom verlorenen Sohn
Liebe Leserinnen und Leser,
der Umgang mit dem eigenen Versagen und der eigenen Schuld rückt ins Blickfeld der Wochen, die nach dem Aschermittwoch beginnen: die sogenannte Passionszeit. Wochen in denen wir ganz bewusst auf Karfreitag zugehen. In vielen Konfessionen Wochen des Fastens. Auch in unserer evangelischen Kirche gibt es schon lange die Aktion "7 Wochen ohne". Zeit der Vorbereitung, der inneren Einkehr und Umkehr. Zeit, die uns einlädt unseren eigenen Umgang mit Versagen und Schuld zu überdenken.
Wie leicht geht er uns doch von den Lippen, der Satz: "Jeder macht mal einen Fehler." Solange kein Fehler passiert, stimmen die meisten diesem Satz gern zu: Großherzig mit Fehlern umzugehen, das brauchen Menschen für ein gutes Miteinander. Die Nagelprobe kommt, wenn er passiert, der kleine oder große Fehler. Da kann es schnell vorbei sein mit der Einmütigkeit. Auf einmal klaffen Gräben im Miteinander. Zwischen den einen, die den Fehler begangen haben und den anderen, die direkt betroffen sind. Und dann sind da noch die, die vom Fehler erfahren, die urteilende Öffentlichkeit.
"So was darf einfach nicht passieren; das muss Konsequenzen haben" sagen die Beobachter. Und wer Fehler gemacht hat gerät unter Druck - oder in Versuchung.
"Meine von mir verfasste Dissertation ist in etwa sieben Jahren in mühevollster Kleinarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler. Über jeden einzelnen dieser Fehler bin ich selbst am unglücklichsten. Es wurde aber zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht."
Beschönigen, wegerklären, leugnen, vertuschen. Bei Karl Theodor zu Guttenberg haben wir es letztes Jahr erlebt. In diesen Wochen erleben wir es erneut: Aufklärung und eine Transparenzoffensive betreffs des Vorwurfs der Vorteilsnahme hat Christian Wulff, unser Bundespräsident, angekündigt. Doch viele seiner Aussagen stimmen mit den Tatsachen nicht überein. Die Versuchung ist groß, sich Fehlern oder Schuld und ihren Folgen zu entziehen. Sich erstmal rauszureden. Auch im Privatleben. Dort muss niemand zurücktreten. Was dann?
"So was darf nicht passieren." Wie können Menschen - privat und öffentlich - mit Schuld und Versagen umgehen? Auf christliche Weise?
"Jeder macht mal einen Fehler" - gut und schön. Aber wenn es dann wirklich passiert ist, dann kommt: "Ich war's nicht". Dann beginnt die Zeit der Ausflüchte, der Beschönigungen, der Ausreden, die Zeit der Versuchung.
Die Bibel erzählt, dass das schon immer so war. Erzählt wird die Geschichte von Josef und seinen Brüdern (1. Mose 37-50):
Die waren neidisch auf den hochbegabten Josef. Deshalb wollen sie ihn loswerden, werfen ihn zuerst in eine Zisterne, und verkaufen ihn schließlich in die Sklaverei ins ferne Ägypten. Natürlich wissen sie, dass das nicht recht ist. Vor sich selbst rechtfertigen sie deshalb, was sie tun: Dieser Träumer, der uns die Liebe unseres Vaters stiehlt, der hat es nicht besser verdient. Und zugleich überlegen sie, wie sie ihre Tat vertuschen können. "Wir wollen sagen, ein wildes Tier habe ihn gefressen", beschließen sie. Hoffentlich deckt niemand die Wahrheit auf. Aber die Angst wird sie von nun an begleiten. Und das schlechte Gewissen.
Wenn man genau hinschaut, verbirgt sich hinter dem "Ich war's nicht" bei Josefs Brüdern Scham. Das ist ganz typisch, glaube ich. Ich schäme mich vor den anderen. Oder vor mir selbst: Ich habe meine eigenen Maßstäbe und Prinzipien verfehlt. Jetzt schäme ich mich dafür. Und niemand soll es merken. Am liebsten möchte ich es selbst nicht wahrhaben. Deshalb versuche ich auch vor mir selbst Beschönigungen und Erklärungen.
Es geht aber auch anders. Professor Dr. Norbert Pfeiffer zum Beispiel, der als ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum in Mainz im vergangenen Jahr den Tod von drei Säuglingen bekannt geben musste, hat klipp und klar gesagt: "Wahrscheinlich ist der Fehler in unserer Klinik passiert". Und konnte hinterher aufatmen, als man die wirkliche Ursache anderswo gefunden hat. Er schreibt über die Situation damals:
"Ich bin gut damit gefahren, zu jeder Minute alles zu sagen, was ich wusste." Genauso hat es Margot Käßmann gemacht, nach ihrer Alkoholfahrt im Februar 2010:
"Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue. …Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung von allen meinen kirchlichen Ämtern zurücktrete."
Mit so einem Schritt ist mit einem Schlag die Angst zu Ende. Die Angst doch noch erwischt zu werden. Und der Druck auch, den es macht, immer weiter zu lügen. Auch beim Lügen darf man ja keinen Fehler machen.
"Die Wahrheit hat auch etwas Befreiendes. Ich denke, die Wahrheit zu sagen, hat viele Vorteile. Es gibt nur ein Problem: Man muss dafür relativ mutig sein."
Das sagt Professor Dr. Norbert Pfeiffer, von der Mainzer Universitätsmedizin. Und wo nimmt man ihn her, diesen Mut zur Wahrheit? Norbert Pfeiffer schreibt von seinem "evangelischen Wahrheitsverständnis". Was das bedeuten könnte, hat Margot Käßmann Monate vorher so formuliert:
"Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar."
Einer jedenfalls, Gott jedenfalls, bleibt bei mir, wenn ich mich der Wahrheit stelle. Das kann Kraft geben. Das kann einem aus der Sackgasse heraushelfen, in die man mit Lügen und Vertuschen und Beschönigen geraten kann. Im Vertrauen auf Gott können Menschen die Wahrheit sagen.
"Ich habe als Arzt meinen Patienten immer die Wahrheit zugemutet. Und ich habe gelernt: Menschen, egal, welcher Glaubensrichtung, sind in erstaunlichem Maße bereit, zu verzeihen, wenn man sie nicht betrügt."
Die Wahrheit kann beschädigte Beziehungen zwischen Menschen wieder in Ordnung bringen. Das ist die Erfahrung, die am Ende auch Josefs Brüder gemacht haben, erzählt die Bibel. Ihr Leben lang haben sie ihre Schuld mit sich herumgetragen. Schließlich begegnen sie dem verschollen geglaubten Bruder wieder. Sofort ist sie wieder da, ihre Angst. Aber diesmal beschönigen sie nichts und erklären sie nichts. Sie stehen zu dem, was sie getan haben. Sie sagen die Wahrheit. Und bitten um Verzeihung. "Vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat", heißt es in der Bibel. Das kann gelingen. Dann werden Beziehungen heil.