Geschichte der Kirche

von Pfarrer Hansjörg Landenberger im Jahr 2020

Haben Sie diese Inschrift schon einmal gesehen? Mir ist sie bei einem Besuch bei unserer Mesnerin Susanne Pfau plötzlich aufgefallen. Als ich vor ihrem Haus in der Grabenstraße stand, entdeckte ich sie. Sie befindet sich ganz oben am Chor unserer Kirche. Ich habe sie ein paar Tage später fotografiert und sie an Herrn Pfarrer Breymayer geschickt, der ja vor ein paar Jahren einen Kirchenführer für unsere Kirche erstellt hat. Er wusste von dieser Inschrift nichts und empfahl mir, mich wegen der Einordnung und Übersetzung ans Landesdenkmalamt zu wenden. Von dort bekam ich eine interessante Auskunft, die sich allerdings später als falsch herausstellte. Das Landesdenkmal deutete die lateinische In-schrift (edificat ordinatus Jahreszahl anno) folgendermaßen: erbaut ordentlich 1515 im Jahr, riet mir aber, mich an die Forschungsstelle Deutsche Inschriften der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zu wenden, die sich insbesondere mit Inschriften des Mittelalters beschäftigt. Diesen Rat habe ich befolgt.
Ein Dr. Harald Drös hat geantwortet und folgende Deutung vorgelegt:

Zu lesen sei: + edificatu[s . et .] / ordinatus . [est . cho]/r(us) . iste . anno . M [. . . . . .]

Die Inschrift beginnt mit einem sogenannten Weihekreuz, mit dem man auch heute noch katholische Kirchen weiht. Als die Kirche erbaut wurde, war Dornhan noch katholisch. Die Evangelische Kirche gab es damals noch nicht. Das »edificat« ist eine Abkürzung von »edificatus« und heißt erbaut, das »ordinatus« muss mit »geweiht« übersetzt werden. In der nächsten Zeile ist ein "r" zu sehen mit einem Zeichen, das einer 9 ähnelt. Diese 9 steht ebenfalls für »us«. Zusammen mit dem r ergibt sich ein »rus«, was nach Ansicht des Fachmanns aus Heidelberg nur »chorus« bedeuten kann, also Chor auf Deutsch. Das nächste Wort, was vom Landesdenkmalamt als 1515 gedeutet wurde, ist gar keine Zahl, sondern heißt »iste« (dieser). Dann kommt »anno« (im Jahr) und ein M, was bei römischen Zahlen für 1000 steht. Die weiteren Ziffern fehlen leider. Im Zusammenhang heißt also die Übersetzung der neu entdeckten Inschrift: Erbaut und geweiht wurde dieser Chor im Jahr 1(...).
Es war also nichts mit 1515, wie vom Landesdenkmalamt vermutet. Im Kirchenführer von Herrn Pfarrer Breymayer stand als Jahreszahl auch 1510. Wie er auf diese Zahl gekommen ist, wusste er nicht mehr.
(Nachtrag der Redaktion: Die Kirche wurde 1510 als Folge eines Stadtbrandes neu aufgebaut)

Weitere Untersuchungen des Chores ließen mich eine zweite Inschrift entdecken.

 

Diese Inschrift war des Rätsels Lösung. Oben sieht man im 16. Jahrhundert übliche arabische Ziffern 1.5.1.0.

So ist der Chor (und auch das Kirchenschiff) also 1510 fertig geworden. Darunter ist eine weitere Jahreszahl zu sehen, bei der es sich um das Jahr einer der zahlreichen Renovierungen handelt, die vielleicht im Jahr 1741 stattgefunden hat.

Pfarrer Breymayer hat sich riesig gefreut über die neuen Erkenntnisse. Sein Kommentar: »Es lohnt sich immer wieder, zur Kirche zu gehen und dabei »äußere« und »innere« Entdeckungen zu machen.«